RheumaPreis 2026

Im Folgenden stellen wir Ihnen die aktuellen sowie die Preisträger der vergangenen Jahre vor. Klicken Sie auf die Jahreszahl oder die Person, um mehr über unsere Preisträger zu erfahren.

Vanessa Wegner

Vanessa Wegner: „Es ist ein Zeichen von Stärke, offen mit der Krankheit umzugehen.“

Vanessa Wegner machte nach der Schule eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten – ihr Ziel: Justizangestellte bei der Staatsanwaltschaft in Lüneburg und eine Verbeamtung auf Lebenszeit. „Ich hatte meinen beruflichen Weg ganz klar vor Augen und war von Anfang an immer sehr motiviert und engagiert“, erzählt die 26-Jährige aus dem niedersächsischen Ebstorf. Und das glaubt man ihr sofort. Die junge Frau sprudelt förmlich vor Energie, wenn sie heute von ihrer Geschichte berichtet. 

Im Alter von 21 Jahren überkam sie jedoch eine unglaubliche Müdigkeit und Erschöpfung. Gleichzeitig schmerzten Hände sowie Füße und ihre Gelenke fühlten sich steif an. „Ich hatte Glück im Unglück, da meine Hausärztin gleich einen Verdacht hatte, ich über meinen ebenfalls an Rheuma erkrankten Vater den Kontakt zu einem Rheumatologen bekam und so nach einer relativ kurzen Zeit schon meine Diagnose erhielt: eine seropositive rheumatoide Arthritis.“ Doch damals fühlte sich das für die junge Frau keineswegs wie „Glück“ an. „Im ersten Moment dachte ich, mein Leben sei vorbei“, sagt Vanessa Wegner. „Ich stand am Anfang meiner beruflichen Karriere und jetzt hatte ich eine unheilbare Autoimmunerkrankung und mir drohte die Frührente?“ 

Die 21-Jährige hatte bereits die lange Leidensgeschichte ihres Vaters erlebt, der ebenfalls an einer ausgeprägten Rheumaerkrankung gelitten hatte. Als Kind musste sie mit ansehen, wie er unter starken Schmerzen kaum gehen konnte, wie er sich selbst spritzte, Depressionen bekam und sich schließlich aufgab und keine Medikamente mehr einnahm. Als ihr Vater später neue Medikamente von seinem Rheumatologen erhielt, waren seine Hände und Finger bereits dauerhaft verformt. „Auch ich musste sechs oder sieben Mal die Medikamente wechseln, bis wir etwas hatten, das ich vertrug und das half“, erzählt Vanessa Wegner. „Ich bin damals fast verzweifelt.“ Doch gerade ihr Vater hätte ihr während dieser schweren Monate viel Mut zugesprochen und ihr immer wieder bekräftigt, dass sie es besser machen solle als er. 

Gleichzeitig hatte die junge Frau Angst, ihrem Dienstherrn bei der Staatsanwaltschaft sowie den Kollegen und Kolleginnen von ihrer Erkrankung zu erzählen. Doch der Personalchef kam schließlich auf sie zu und beteuerte, dass sie sich keine Sorgen machen sollte, dass sie ihren Job selbstverständlich behalten würde und auch die Verbeamtung kein Problem darstellen würde. Sie solle erst einmal zur Ruhe kommen und sich um ihre Gesundheit kümmern. Inzwischen ist die Patientin gut auf ein Biologikum eingestellt. „Nach anfänglichen Schwierigkeiten kann ich es mir heute sogar selbst spritzen. Und alle drei Monate fahre ich zusätzlich zu meinem Rheumatologen in Hamburg.“

Und um ihren beruflichen Weg macht sich Vanessa Wegner keine Sorgen mehr. Denn ihr Dienstherr Karsten Bösicke bestätigt: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so zu unterstützen, dass sie trotz eventueller Einschränkungen ihre Arbeit gut leisten können und vor allem jeden Tag gerne zur Arbeit gehen.“ Daher war es auch selbstverständlich für die Staatsanwaltschaft Lüneburg, mit voller Unterstützung hinter ihrer Mitarbeiterin zu stehen. Vanessa Wegner bekam einen höhenverstellbaren Schreibtisch und einen Stehstuhl, um sich während ihrer Arbeit möglichst viel bewegen zu können, sodass die Gelenke nicht steif werden. Sie hat sogar ein Laufband in ihrem Büro, das sich nahe an den Schreibtisch schieben lässt, sodass sie Tätigkeiten am Laptop problemlos im Gehen ausüben kann. Ein Rollwagen erleichtert das Transportieren schwerer Akten, die in andere Räume gebracht werden müssen. Und wenn Arzttermine anstehen, legt die Patientin Homeoffice-Tage ein. „Das ist auch für meine Vorgesetzten und meine Kollegen von Vorteil. Denn ich bin nicht krankgeschrieben, sondern hole meine Arbeit nachmittags nach dem Arzttermin nach.“

Das Wichtigste sei in Vanessa Wegners Augen das klare und offene Kommunizieren und das gegenseitige Vertrauen in beide Richtungen. Denn nur wenn man sich seinem Arbeitgeber gegenüber anvertraue, könne der auch wissen, wie die Hilfestellung aussehen und eine gute Zusammenarbeit gelingen könne. Natürlich gäbe es auch schlechte Tage, an denen sie nicht arbeiten könne, das sei aber relativ gut vorhersehbar, da sie die vorherigen Symptome der Krankheitsschübe nun deuten kann. Dann zeigt sich auch das zusätzliche Sjögren-Syndrom, unter dem sie leidet. Dieses äußert sich vor allem in Form einer starken Trockenheit der Augen und einer starken Müdigkeit beziehungsweise Erschöpfung. „Aber man muss immer ein positives Mindset behalten, denn nach jedem schlechten Tag kommen auch wieder gute!“, sagt Vanessa Wegner. „Am Anfang einer solchen Krankheit ist jeder mit seiner Gefühlswelt überfordert. Da hilft es, mit den Liebsten, den Kollegen und Kolleginnen und auch mit anderen Betroffenen aus Foren darüber zu sprechen und sich auszutauschen.“

Für die junge Frau ist auch die Geschichte ihres Vaters eine große Motivation. Sie habe aus seinen Fehlern gelernt und er wäre heute stolz, wenn er sehen könnte, wie positiv seine Tochter ihr Leben mit der Krankheit meistert. „Eigentlich steht der RheumaPreis somit auch als Würdigung für meinen inzwischen leider verstorbenen Vater.“ Man dürfe sich auf keinen Fall für die Erkrankung schämen. Wer offen damit umgehe, zeige Stärke – das schaffe Verständnis, statt Mitleid. „Gleichzeitig ist es sehr wichtig, immer in Bewegung zu bleiben. Auch wenn es manchmal schwerfällt oder sogar richtig wehtut“, sagt die 26-Jährige heute. „Notfalls sind es eben nur kurze Spaziergänge von fünf Minuten mit Unterstützung meines Verlobten.“ Doch danach steigere sie ihre Aktivität wieder, am nächsten Tag seien es dann vielleicht schon zehn Minuten. So habe sie schließlich auch mit Yoga angefangen, um sich ausgeglichener zu fühlen und mit Stresssituationen besser umgehen zu können. Anschließend kamen Aquafitness und Schwimmen hinzu; später trat sie einer Zumbagruppe bei. Heute macht sie sogar Kraftsport, Jumping Fitness und Pilates. „Und das Tolle ist – ob bei der Arbeit, im Privatleben oder beim Sport – ich bin nie allein, alle stehen zu mir und unterstützen mich – mein Leben ist keineswegs vorbei, sondern glücklich und beruflich erfolgreich.“

„Ich sehe in allem negativ Behafteten etwas Positives! Und ich freue mich, mit dem RheumaPreis der Erkrankung Rheuma ein Gesicht zu geben und anderen Patienten und Patientinnen Mut zu machen. Mit dem Erzählen unserer Geschichten können wir uns gegenseitig inspirieren.“ 

Vanessa Wegner

„Für uns stellt keine gesundheitliche Einschränkung, egal welche, ein Einstellungshindernis dar. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind gegenseitiges Vertrauen und die Unterstützung der Mitarbeiterin dort, wo sie sie benötigt, wichtig – beispielsweise durch das Anschaffen von Hilfsmitteln, die ihr die Arbeit erleichtern.“

Karsten Bösicke, Staatsanwaltschaft Lüneburg

Martin Abramowski

Martin Abramowski: „Wieder in Arbeit und unter Menschen zu sein, ist so viel wert!“

Eigentlich müsste der RheumaPreis 2026 nicht nur ihm und seinem Arbeitgeber verliehen werden, sondern einer ganzen Liste an Menschen, sagt Martin Abramowski. „Denn die vielen hilfsbereiten, herzlichen und unterstützenden Menschen in meinem Leben passen nicht einmal auf eine DIN-A4-Seite.“ Er verspüre eine unglaublich große Dankbarkeit gegenüber seiner Familie und seinen Freunden, seinen Ärzten und Therapeuten, den vielen Menschen, die ihm mit großem Engagement in Selbsthilfegruppen zur Seite stünden, sowie seinem Arbeitgeber gegenüber. 

Denn sie alle leisten großen Beitrag, dass Martin Abramowski heute noch lebt – und dabei weiterhin mit großer Freude seinen Beruf ausüben kann. Der 51-jährige Erfurter arbeitet als Projektmitarbeiter bei Zukunftsfähiges Thüringen e.V., einem zivilgesellschaftlichen Verein zur Unterstützung nachhaltiger Entwicklung in Thüringen, und wird dort als kompetentes Teammitglied geschätzt.

Erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, zeigten sich im Sommer 2017, als Martin Abramowski im Zelturlaub mit seiner Familie plötzlich eine schwere Lungenentzündung bekam. Er kam ins Krankenhaus, zu Beginn mit dem Verdacht auf eine Tuberkulose, später auf eine Sarkoidose. Als Rheumatologen erst zwei Jahre später die endgültige Diagnose stellten, waren zu den Lungenveränderungen bereits bleibende Gelenkveränderungen hinzugekommen. Martin Abramowski leidet unter einer systemischen Sklerose oder Sklerodermie, einer seltenen, unheilbaren Autoimmunerkrankung des Bindegewebes, die zu den rheumatischen Krankheiten gehört. Bei ihm griff die Erkrankung zu Beginn vor allem das Lungengewebe an. Gleichzeitig führte sie zu Gefäßschäden und Entzündungen an der Haut, insbesondere an den Fingern. 2021 kam ein plötzlicher Funktionsverlust der Nieren hinzu; der Familienvater rutschte in eine sogenannte renale Krise und zeigte bereits größere Mengen von Flüssigkeitsansammlungen im Herzen. „Glücklicherweise wurde ich schnell nach Berlin in die Charité überwiesen, kam sofort an die Dialyse und mein Herz und auch die Lungenflügel wurden punktiert“, erzählt Martin Abramowski heute. „Ich wurde dort vier Wochen stationär behandelt, aber trotzdem blieb meine Prognose für das kommende Jahr sehr schlecht.“ Und kurze Zeit, nachdem er wieder entlassen worden war, ging es mit Herzrasen und Atemnot erneut in die Notaufnahme – dieses Mal auf die Herzstation. Die Lungen waren komplett mit Flüssigkeit vollgelaufen und Martin Abramowski fiel ins Wachkoma.

„Meine Frau kämpfte wie eine Löwin, um mein Leben zu retten. Sie organisierte spontan einen Videochat mit den Ärzten der Charité, die so meine behandelnden Ärzte in Erfurt unterstützen konnten, und sie versorgte mich auch später zu Hause rund um die Uhr“, berichtet er. „Da wird einem natürlich schon angst und bange; zu Beginn konnte ich mit meiner Frau auch nur schwer darüber sprechen, eventuell zu sterben.“ Martin Abramowski sprach damals viel mit seiner Mutter über das Thema Tod. Sie habe gemeinsam mit ihm und seinen Geschwistern den Vater in früheren Jahren gepflegt und auf dessen Wunsch auch zu Hause bis zu seinem Tod begleitet. Das habe Martin Abramowskis Verhältnis zum Umgang mit dem Sterben verändert, sodass er einen Weg hatte, um sich damit auseinanderzusetzen. Die Krankheit und ihre Folgen nicht zu verdrängen – das sei unbedingt ein wichtiger Baustein, um damit klarzukommen und neue Kraft freizusetzen.

Auch das Team an Martin Abramowskis Arbeitsstelle bangte mit. „Die ersten zwei Jahre seiner lebensbedrohlichen Erkrankung voller Rückschläge waren natürlich eine große Herausforderung – vor allem für ihn selbst und seine Familie, aber auch für uns“, erzählt Josef Ahlke, Vorstandsvorsitzender bei Zukunftsfähiges Thüringen e.V. „Wir freuen uns, dass wir dies gemeinsam mit zusätzlichem Engagement und dem Verständnis aller geschafft haben und Martin Abramowski seit 2022 wieder bei uns an Bord ist.“ Im Rahmen einer Wiedereingliederung konnte der Erfurter schließlich mit wenigen Stunden ins Berufsleben zurückkehren und sein Pensum langsam bis auf eine 50-Prozent-Stelle steigern. „Mein Arbeitgeber fragte mich damals, wie ich meinen Arbeitsalltag gestalten könne, was ich übernehmen könne und wie er und mein Team mich dabei unterstützen könnten“, sagt Martin Abramowski. „Der Verein steht mit seinen Werten, Zielen und Themen dafür, Menschen zu fördern – das ist für meinen Arbeitgeber also gelebte Praxis.“ Denn für seine Vorgesetzten bedeutet das zum einen, den betroffenen Mitarbeiter und dessen Familie zu stärken, zum anderen aber wiederum ein langjähriges, erfahrenes Teammitglied, dessen Know-how und dessen Kontakte zu behalten. „Wir schätzen Martins Erfahrung, konkrete Vorschläge und Mithilfe, und wir wussten, dass es ihm viel bedeutet, weiter Teil des Teams sein zu können“, sagt Josef Ahlke.

Ob Martin Abramowski einen Ratschlag für andere Betroffene habe? „Ganz wichtig ist, dass man lernt, Hilfe anzunehmen – sowohl im Beruf als auch im Privatleben“, antwortet er. „Selbsthilfegruppen zum Beispiel sind eine großartige Möglichkeit. Ich habe selbst inzwischen auch eine regionale Selbsthilfegruppe in Thüringen gegründet.“ Dort könnten sich Betroffene und Angehörige treffen und sich beispielsweise über ihre jeweiligen Erfahrungen und Therapien austauschen. Die Selbsthilfegruppe war es auch, die ihn auf den RheumaPreis aufmerksam gemacht hatte. „Man kann viele gute Tipps bekommen, und ich sehe dort trotz unserer Krankheit so viele fröhliche Gesichter, das gibt viel Kraft und Mut.“ 

„Es ist wichtig, einen Job zu haben, der Spaß macht, den man wirklich machen will und nicht als Belastung sieht. Dann gibt es immer auch Wege, mit der Erkrankung im Berufsleben klarzukommen. Und wieder in Arbeit und unter Menschen zu sein – das ist so viel wert.“ 

Martin Abramowski

„Wir freuen uns, dass Martin wieder zurück im Team ist. Er unterstützt uns mit seiner langjährigen Expertise sowie seinem großen Kontaktnetz. Vieles kann er auch vom Homeoffice aus organisieren. Und die notwendigen Arzttermine und Krankenhausaufenthalte sind zu einer planbaren Normalität geworden.“

Josef Ahlke, Vorstandsvorsitzender bei Zukunftsfähiges Thüringen e. V.